Umgang mit Ängsten in Krisenzeiten - eine Sonntagsreflexion


Es geht uns Allen so,

dass wir auf diese außergewöhnliche Situation der Covid 19 - Pandemie zunächst mit Irritation oder Angst reagieren. Angst ist ein wichtiger Schutzmechanismus und ein Warnsignal. Angst kann uns mehr oder weniger bewusst sein, aber wir reagieren immer sowohl bewusst als auch unbewusst auf das, was uns umgibt und auf das, was wir erleben.

 

Allerdings hat Jeder seine individuelle Art, mit Angst umzugehen. Das hat etwas mit unserer Biographie und unseren Erfahrungen und unserem Kontext zu tun.

Jeder erlebt Angst auf seine Weise.
Der Eine spürt es als Herzklopfen, Kloß im Hals , der Andere durch Unruhe und hohe Besorgtheit oder ganz anders.
Wenn wir als Kinder Angst hatten, dann haben Viele von uns es oft so gehört:
Du musst keine Angst haben!
Da brauchst Du doch keine Angst zu haben!

Es kann wunderbar beruhigend wirken, wenn dadurch spürbar wird, ich bin nicht alleine, ich kann und darf mich sicher fühlen.

 

Was aber, wenn ich trotzdem Angst habe, wenn die Angst bleibt, wenn ich mich alleine mit meiner Angst fühle?

Dann brauchen wir hilfreiche Strategien, um damit umzugehen.


1. Es kann sehr hilfreich sein, mit Anderen über unsere Ängste zu sprechen. Angst kann einsam machen, aber wenn wir den Mut haben, unsere Angst zu zeigen, dann kann Nähe entstehen.

Wer könnte dabei für mich ein hilfreicher Gesprächspartner sein?

Wie gehst Du mit Deiner Angst um, was hat Dir schon einmal geholfen als Du Angst hattest?
Hier kann das Gespräch mit den Großeltern oder Menschen, die schon schwere Krisen erlebt haben, eine ganz besondere Tiefe bekommen.


 2. Eine andere Möglichkeit ist, dass wir uns unserer Angst bewusst zuwenden, um herauszufinden, inwieweit sie uns stärken könnte. Ängste können ungeahnte Kräfte  freisetzen, im Kampf um unser Leben, um unsere Liebsten oder bei Flucht vor Gefahr.

Vielleicht geht es Ihnen aber auch so, dass Sie eigentlich am liebsten vor Ihrer persönlichen Angst flüchten würden oder zumindest so tun, als sei sie nicht da.

Allerdings kennen wir dabei den Effekt, dass je mehr wir etwas weg haben wollen,
desto präsenter wird es in unserem Leben.

Manchmal kann so in uns der fälschliche Eindruck entstehen, wir seien nur noch Angst (Gunther Schmidt).

 

Angst, die wir sich selbst überlassen, nimmt uns gefangen, kann lähmend wirken oder uns nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.
Wenn wir aber wissen, wovor genau
wir Angst haben, dann reagieren wir nicht mehr nur intuitiv sondern wir können eine Haltung, Strategien entwickeln. Damit ist die Angst nicht weg, auch das Problem nicht, aber dann bekommt unsere Angst einen anderen Platz.
Plötzlich stellen wir wohlmöglich fest, dass uns unsere Angst schützen will. Was könnte das sein? Worauf werde ich durch meine Angst hingewiesen?
Die Botschaften unserer Ängste können sehr unterschiedlich sein.


Wir müssen äußeren Abstand halten, aber es ist berührend, auf welche Art und Weise viele Menschen in dieser Zeit  ihre Herzenstür
füreinander öffnen. So können wir uns gegenseitig in unseren Ängsten stärken. Mit Abstand können wir anders wahrnehmen und Neues entdecken.

Im Trubel der neuen Anforderungen und Nachrichtenflut in der Woche hat das, was uns im Inneren betrifft oft wenig Raum.

Da kann der Sonntag eine neue besondere Bedeutung bekommen. Bei Vielen  war es bisher der Tag für Unternehmungen, Ausflüge, Begegnungen und vielleicht fragt sich der Eine oder Andere,
ob wir zur Zeit überhaupt einen Sonntag brauchen, weil die einzelnen Wochentage ohnehin ihr Gesicht oder Struktur verloren haben.
Der Sonntag könnte für uns eine Chance sein, einerseits unserer Angst aufmerksam zuzuhören und andererseits uns unserer Seele zuzuwenden, um uns dann zu fragen, was es eigentlich ist, was uns stark macht, wo unsere Kraftquellen sind, worauf wir zurückgreifen können.
Vielleicht graben wir Altes aus, öffnen es neu, schauen es mit Abstand mit anderen Augen an. Vielleicht machen wir uns auf die Suche nach neuen Wegen. Vielleicht laden wir unsere Telefone neu auf, für wichtige Gespräche, die schon lange anstehen.
Vielleicht ertappen wir uns dabei, dass wir unseren alten Füller in die Hand nehmen, um einen persönlichen Brief zu schreiben. Vielleicht blättern wir in Büchern, die wir eigentlich schon entsorgen wollten, vielleicht liegt uns ein Lied auf den Lippen. Vielleicht spüren wir neu, wie kostbar gemeinsame Zeit sein kann, denken mit Dankbarkeit an Momente in unserem Leben, die uns bereichert haben. Vielleicht tasten wir ungewohnt nach unseren Händen, um sie zu falten.

 

Und wenn die Ruhe genau das ist, was uns Angst macht? Wenn wir uns genau dann besonders mit unseren  Ängsten konfrontiert fühlen?

Dann kann es sehr hilfreich sein, diese Angst zunächst genau so anzunehmen, als Ausdruck unserer persönlichen Reaktion auf die Covid-19 Pandemie - Krise. Ja - wie bei vielen Anderen löst die Ansteckungsgefahr des unbekannten Virus bei mir Angst aus. Diese Angst hilft mir aber auch dabei, vorsichtig zu sein und mich und Andere zu schützen.  

 

Wenn wir unserer Angst einen Platz einräumen, könnten wir überrascht sein von dem freien Raum, der an anderer Stelle entsteht. Dann könnte der Sonntag zu einem inneren Aufräum - Umräum - und Einräumtag werden. Angenommen wir würden dann in unserer Vorstellung so etwas wie einen inneren Sonntagsraum einrichten, wie sollte er gestaltet sein, was wollten wir dort vorfinden, wenn wir ihn in Zeiten der Not aufsuchen?


Immer wenn wir Angst  haben, ist es gut, sie zunächst genau so als unsere Angst anzunehmen und zu benennen. Was denke ich, wenn ich Angst habe? Was spüre ich im Körper, wenn ich Angst habe?

Um dann unsere Aufmerksamkeit auf unseren Sonntagsraum zu lenken, ihn lebendig werden zu lassen, mit dem, was unsere Seele stärkt und sei es nur ein Funken Hoffnung. So können wir behutsam immer wieder erleichtert aufatmen und mehr und mehr Sicherheit auf dem Boden unter unseren Füßen spüren.

Mit herzlichen sonntäglichen Grüßen

Ulrike Arras